HERZESSENZ® Schule für Tibetische Heilkunst
Schule für Tibetische Heilkunst

Das Tibetische Totenbuch für den Westen

Die Bedeutung des Tibetischen Totenbuches für die westliche Sicht auf Leben und Tod

Totenpforte
Totenpforte

Die Vorstellung über den Prozess von Sterben, Tod, Zwischenzustand und Wiedergeburt, wie sie in der tibetischen Sicht existiert und seit Jahrtausenden praktiziert wird, ist dem Westen sehr fremd.
Seit dem 6. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung wurde der "Glaube" an eine Reinkarnation von der Kirche verboten und die noch immer aktuelle Sicht auf das "Leben nach dem Tod" besteht darin, dass Jesus Christus stellvertretend für uns gestorben ist und wir deshalb aus göttlicher Gnade nach dem Tod zu ihm gerufen werden. Viel mehr wird dazu nicht gesagt, zumindest in der Zeit nach dem Mittelalter, denn währenddessen hatten Fegefeuer und Himmel und Hölle im Glauben noch ihren Platz.
Nun ist der Begriff "Glauben" ja bereits etwas, was den aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts kritisch werden lässt. Glauben bedeutet Nicht Wissen und hat mit einer gewissen Naivität zu tun, die Dinge noch so hinzunehmen, wie sie von Autoritäten berichtet oder gelehrt werden. Der kritische Mensch, der alles hinterfragt und eine naturwissenschaftliche Erklärung sucht, ist mit diesen Aussagen nicht zufrieden.

So weit entfernt uns die Quellen des Tibetischen Totenbuches auch erscheinen mögen, so sind sie doch bei genauer Betrachtung mit einem geschulten Verständnis in der Tat HOCHAKTUELL. Das Totenbuch beschreibt nichts anderes als unseren Geist mit seinen Aktivitäten, beschreibt, wie er arbeitet und welche seiner Anteile mit dem Gehirn sterben und sich auflösen. Es beschreibt, dass ETWAS überdauert.
Nein, nicht die "Seele" ist dieses Etwas, sondern eine viel feinere Ebene, die aufgrund der Kenntnisse der Tibetischen Medizin sehr genau beschrieben und definiert wird. (Robert Thurman, Jeffrey Hopkins)
Die unter Hirnforschern viel und kontrovers diskutierte Frage: "Gibt es ein Bewusstsein außerhalb des Gehirns?" wird aus Sicht des Totenbuches eindeutig mit Ja beantwortet (Dalai Lama im Gespräch mit Hirnforschern).

Aber im Grunde ist dies gar nicht die entscheidende Frage, jedenfalls nicht für das aufmerksame Studium des Totenbuches. Wer sich diesem widmet, der wird erkennen, dass der Geist, der dort als nachtodliches Wesen beschrieben wird, sich nicht wirklich unterscheidet von dem Geist, der unser Leben regiert.
Vor dem Tod existiert ein Körper, den viele Bereiche des Geistes - unser sogenanntes Bewusstsein - zu schützen und aufrechtzuerhalten versuchen. Nach dem Tod ist dieser stoffliche Körper aus Fleisch und Blut ein Leichnam und wird nicht mehr von einem Bewusstsein bzw. feineren Ebenen von Geist "betreut".

Wir müssen, wollen wir in die Tiefgründigkeit des Totenbuches vordringen, zur Kenntnis nehmen, dass die Tibetische Medizin über ein grandioses Wissen subtiler Vorgänge unseres Körpers und Geistes sowie der Verbindung von beidem verfügt. Unser Körper wird nicht nur von Nervenbahnen und Meridianen durchzogen, sondern von noch weitaus subtileren Nadis (unsichtbaren Kanälen), die die "Gefäße" für unsere Lebenskraft und unsere von Moment zu Moment sich erneuernde Wachheit, unser Bewusstsein sind.

In der Sterbephase, die ja gemäß dem Totenbuch sehr weit über den klinischen Tod des Atem- und Herzstillstandes hinausreicht, ziehen sich diese Nadis auf einen Mittelpunkt zurück, der sich im Herzchakra in der Mitte der Brust befindet. Dies ist der letzte Aufenthaltsort eines luziden Bewusstseins, das wegen seiner Subtilität nun Gewahrsein genannt wird.
Je nach Zustand des Sterbenden, ob friedlich oder angsterfüllt, bleibt dieses Gewahrsein länger (bis zu drei Tagen und noch länger!) oder kürzer an diesem Ort.
Normalerweise fliegt es sehr schnell aus einer der Körperöffnungen heraus, weil der Zustand tiefster Dunkelheit und Stille, in dem weder Denken noch Sehen funktionieren, im Leben nicht erfahren wurde und er dementsprechend große Angst macht. Wenn jedoch dieser zutiefst "meditative" Zustand bei Lebzeiten geübt wurde, so kann das Gewahrsein lange im Körper gehalten werden und sich dadurch immer subtiler verfeinern.

Die jeweilige Haltung im finalen Todesprozess markiert den Dreh- und Wendepunkt des gesamten weiteren Geschehens.
Als Menschen sind wir gewohnt, uns dual wahrzunehmen und zu empfinden: wir fühlen unseren Körper und unseren Geist, wir fühlen uns selbst und andere.
Aufgrund der Ausstattung unserer Sinne erleben wir eine sogenannte "Außenwelt", die uns vermeintlich entweder nützen oder schaden wird.
Unsere fünf Sinne sind ununterbrochen dabei, diese Außenwelt als real zu bestätigen.


Die von uns auf diese Weise erfahrene Dualität ist aber ein Wahrnehmungsfehler bzw. -mangel unsererseits.
Wirklichkeit besteht als Einheit von allem, was von uns jedoch unter dem Zwang der Selbst-Erhaltung nicht wahrgenommen werden kann.
Da die tibetisch-buddhistische Kultur diesen eigenen Schutzmechanismus seit Jahrtausenden durch Meditationspraxis weitestgehend zu reduzieren oder gar aufzulösen geübt hat, ist das Wissen um die Einheit zum ERFAHRUNGWERT dieser Kultur geworden.

Ich muss dies vorausschicken, um den Prozess verdeutlichen zu können, der im Sterben stattfindet:
denn in ihm löst sich mit der Auflösung der fünf Sinne auch die "Außenwelt" auf und somit das duale Erleben.
Haben wir bereits zu Lebzeiten unsere Selbsterhaltungszwänge durch logisches Erkennen und Übungen reduziert, so werden wir beim Eintauchen in die Einheitserfahrung keine Angst erfahren und somit auch nicht in die Dualität zurückfallen.
Andernfalls werden sich allerdings in dem einen Moment, in dem alles zu Einem verschwimmt, unsere Ängste kolossal verstärken und die daraufhin erneut erlebte duale Erfahrung wird uns wieder als gewohnte Realität erscheinen.

Der Mensch, der in einem friedlichen Geisteszustand stirbt und sich mit tiefen Einheitserlebnissen auf den transformierenden Todesprozess vorbereitet hat, wird sein Gewahrsein lange genug im Herzchakra halten können, um schließlich nach der Erfahrung absoluter Dunkelheit (ausgelöst durch das Zusammentreffen der beiden Hauptnadis) das sogenannte KLARE LICHT zu erfahren, als das Ergebnis der Verschmelzung seines Gewahrseins mit einem universalen Geist-Feld.
Diese Erfahrung ist nicht dual.
Es gibt keinen Beobachtenden oder Erfahrenden mehr, sondern nur Einssein mit allem.

Als körpertragende Wesen können wir uns das nur schwer vorstellen, doch hat die eine oder andere glückselige Erfahrung möglicherweise eine Einheitserfahrung schon einmal aufblitzen lassen.. Unbewusst erleben wir jede Nacht im Tiefschlaf diese Einheit.
Der friedlich Sterbende verschmilzt in seinem Gewahrsein mit der Einheit, besser gesagt, er schmilzt in sie hinein.
Damit öffnet sich für ihn ein völlig anderer Weg zur Wiedergeburt als für den in Angst Sterbenden.
Denn die Angst führt in die gewohnte duale Erfahrung und das eigene Gewahrsein nimmt sich wieder getrennt als "Selbst" wahr, das sich schützen muss.

Diese duale Erfahrung löst schließlich den Prozess des Zwischenzustandes, des "Bardo", aus. Ob derjenige, der das Klare Licht erfährt, überhaupt in eine Wiedergeburt münden wird, hängt von den karmischen Spuren in seinem Geist ab, die ihn entweder wieder nach Form greifen lassen und damit den dualen Prozess des Werdens in Gang setzen, oder ihn jenseits aller Form aufgelöst lassen.
Traditionell wird letzteres Nirwana genannt, in dem "Buddhaschaft" auf elf verschiedenen Stufen möglich wird.

Für uns scheint der Weg zurück in die Dualitätserfahrung wahrscheinlicher und daher wollen wir uns damit ausführlich beschäftigen.
Unser Weg beginnt bereits mit der Angst vor der Einheitserfahrung. Der Verlust der Form wird als außerordentlich schmerzhaft erlebt und alles Streben wird daher darauf ausgerichtet, wieder eine Form anzunehmen.
Das beginnt mit dem Aufsuchen der alten Form - also dem Leichnam - in den aber ein Wiedereinstieg nicht gelingen kann.

Bardo der Dharmata
Bardo der Dharmata

Während dieser Phase des "Bardo der Dharmata" werden Klänge und Farben wahrgenommen, die scheinbar von außen kommend große Angst auslösen.
Gleichzeitig werden alle "Imprints" (energetische karmische Spuren im Geist), die vor und während des Todesprozesses nicht aufgelöst wurden, jetzt aktiv.
Ohne die Anbindung an einen materiellen Körper steigen sie auf und zeigen sich als im Außen erscheinende Dämonen, Gespenster und wilde Ungeheuer.
Tatsächlich ist es aber die eigene Kreation, die die Erfahrung des "All-Geistfelds" als schrecklich und bedrohlich bebildert, gerade so, wie wir es im Leben auch gemacht haben.

Da die Bedrohung als dual von außen kommend wahrgenommen wird, versuchen wir, ihr auszuweichen. In einer derartigen Panik kann sich die duale Erfahrung im Bardo nur noch immens steigern und verstärken.
Die Einheit wird nicht als Wirklichkeit erkannt. Der Selbstbezug der Selbsterhaltung ist wieder aktiv und kennt nur noch ein Verlangen: möglichst schnell der Situation zu entkommen und eine Form, einen Körper anzunehmen.

 

Herrn des Todes
Herrn des Todes

In dieser Phase des Bardo ist das Schutzbedürfnis extrem groß und daher wird alles, was erscheint, als Bedrohung erfahren. Seinen Höhepunkt erreicht dies in der Projektion des "Herrn des Todes", der als blutrünstiges Ungeheuer erscheint, um über das vergangene Leben des Verstorbenen zu richten.

Das feine Gewahrsein, das uns zu Lebzeiten als "Gewissen" oder "innere Stimme" oder zumindest als eine Instanz der Selbst-Wahrnehmung begleitet hat, ist nach außen projiziert und erscheint als äußerer Richter und Henker. Dieser kennt kein Pardon und keine Gnade, genauso wenig, wie wir sie im Leben mit uns selbst hatten.

Auf diese Weise nimmt die Not des Bardowesens immer mehr zu: es will aus der Verdammnis heraus und stürzt sich in jedwede Möglichkeit, eine Form anzunehmen.
Diese Phase wird "Bardo des Werdens" genannt, in der das Geistwesen inzwischen in hohem Maße Hellsichtigkeit und Feinspürigkeit entwickelt hat.
So erscheinen die nun auftauchenden Lichter, die entgegen den extremen Erfahrungen von Lärm und Geschrei freundlich schimmern, als eine große Verlockung, zu ihnen zu flüchten.

Es sind die sechs Lichter, die den Weg in sechs mögliche Arten der Wiedergeburt beleuchten

Es sind die sechs Lichter, die den Weg in sechs mögliche Arten der Wiedergeburt beleuchten. Jedoch sind auch diese Wege nichts anderes als der innere Ausdruck einer Affinität zu bestimmten emotionalen Strukturen und Gewohnheiten.
Diese sechs Bereiche sind:
die Götterwelt
die Welt der eifersüchtigen Götter (Asuras)
die Menschenwelt
die Welt der hungrigen Geister (Pretas)
die Höllenwelten
die Tierwelt

Es wird in buddhistischen Kreisen darüber diskutiert, ob diese Welten materiell-real seien oder lediglich mentale Zustände ausdrücken.
Fakt jedoch ist, dass wir als Formwesen die Menschenwelt und die Tierwelt sehr wohl wahrnehmen können, uns jedoch aufgrund der Beschaffenheit unserer Sinneswerkzeuge versagt ist, feinere, nicht-materielle Strukturen wahrzunehmen. Da dies so ist, meine ich davon ausgehen zu müssen, dass die entsprechende emotionale Affinität im Bardo sehr wohl in eine entsprechende Verkörperung führen wird.
Der Wiedergeburt zugrunde liegt eine bestimmte geistige Struktur, die sich schließlich als Sinnes- oder Energiewelt verkörpert.
Die Affinität zu den sechs Wiedergeburtsbereichen erzeugen wir durch unsere emotionalen Gewohnheitsmuster, durch unsere Art, neurotisch zu sein.

1. Die Neurose der "Götterwelt":
Diese Neurose besteht in einem starken Drang zum Glücklichsein, unabhängig davon, was es kostet, sowohl materiell wie ideell. Wir suhlen uns in Selbstbestätigung durch Anerkennung und Ruhm, wir schwimmen in vermeintlich spirituell hohen Idealen, halten uns für weise und erleuchtet, leben im Grunde ohne starke Hoffnungen und Ängste, weil wir alles haben. Wir kosten alles aus, was Lust und Freude bedeutet und kümmern uns höchstens aus Geltungssucht um andere, denen es schlechter geht.
Die Neurose ist also Ausdruck einer extremen Selbstbezogenheit, die ans Narzisstische grenzt. Wir kennen überhaupt kein Mitgefühl. Wir werden dabei zwar nicht wirklich glücklich, doch das treibt uns nur an, noch schöner, spiritueller und ichbezogener zu werden. Sehr wichtig ist dabei die vollständige Verdrängung von Alter, Krankheit und Tod, denn diese treffen uns nicht. Wir fühlen uns gesund und tatsächlich unsterblich. Natürlich kann das nicht ewig so bleiben und so fallen wir eines Tages ganz überraschend in die Vergänglichkeit und landen in der Welt der "eifersüchtigen Götter", der Asuras.

2. Die Neurose der "eifersüchtigen Götter (Asuras)":
Die Neurose basiert auf der Erfahrung, dass Glücklichsein vergänglich ist und die eigene Sterblichkeit entsetzlicherweise zum Leben gehört. Das kann aber nicht akzeptiert werden. Es nagt in uns, dass wir das Glück verloren haben. Nun ist jegliche Freude dahin und Vertrauen und Glaube an etwas Gutes ist grundlegend in uns zerstört. Das macht uns schlau. Wir "riechen" jeden vermeintlichen Angriff bereits im Vorfeld und sind wachsamer als jeder Luchs. Wir werden paranoid. Wir planen die "Spiele" und "Schachzüge" der anderen bereits im Vorhinein ein, sind also jeder Situation gewachsen, verschenken aber dabei unseren inneren Frieden. Wir leben in ständiger Kampfbereitschaft, konkurrent, misstrauisch und nachtragend. Wir haben ein Elefantengedächnis und merken uns jede Handlung von jedem. Denn jeder ist unser Feind.
Diese Art Paranoia entartet schließlich zur Psychose, da alle Handlungen und Geschehnisse nur auf das eigene Ich bezogen werden und die realen Bezüge dabei verlorengehen.

3. Die Neurose der "Menschenwelt":
Wir haben das Glück verloren und fühlen uns arm. Wir haben einen scharfen Intellekt entwickelt und werden durch ihn angetrieben, all die Leistungen zu erbringen, die uns wieder glücklich machen könnten. Dieses Mal wollen wir es mit leidenschaftlicher Anstrengung erringen. Es fällt uns jedoch auf, dass andere immer noch besser sind bzw. das Glück einfach magnetisch anziehen, was uns trotz aller Anstrengung nicht gelingt. So suchen wir nach Vorbildern und Helden, suchen Führungspersönlichkeiten und Religionsstifter, denen wir nachfolgen können. Unser Verstand ist ständig damit beschäftigt, neue Ideen und Pläne zu machen und auf diese Weise ist er äußerst schnell und unruhig. Es gibt letztendlich kein Ankommen, sondern nur eine immer weitreichendere Suche. Wir finden keine Ruhe, keine Befriedigung. Dabei fühlen wir uns getrieben, ununterbrochen auszuwählen und zu vergleichen. Das führt uns in eine niemals endende Kette von Zweifel und Begierden.
Hierdurch stürzen wir in die Depression, in die Überreiztheit des Burnouts und in damit einhergehende Kompensationen durch Drogen, die schlussendlich in einer Psychose enden.
Andererseits befähigt uns unser Verstand, logisch zu denken, zu abstrahieren und zu planen. Wir können Erkenntnisse über Einheit und Dualität erarbeiten und durch Übungen festigen, und so sind wir als Menschen die einzigen Wesen, die sich selbst in die Buddhaschaft befreien können. Eine wesentliche Qualität ist dabei unsere Fähigkeit zum Mitfühlen. Wir haben durch unser sechstes Sinnesbewusstsein die Fähigkeit zu imaginieren und zu fühlen. Dadurch haben wir Bezug zu allen sechs Bereichen der Wiedergeburt.

4. Die Neurose der "Hungrigen Geister (Pretas)":
Hier hat die Armutsmentalität die gesamten Wahrnehmungen überflutet. Wir fühlen uns hungrig und können nicht essen. Wir fühlen uns mausearm und können nicht konsumieren. Doch statt dies hinzunehmen, müssen wir kämpfen, um zu überleben. Wir benötigen Macht und Reichtum und sammeln alles, weil es Beute ist. Was wir nicht nach Hause tragen können, wird fotografiert oder aufgeschrieben. Doch selbst bei allem Ansammeln von schönen Dingen und leckerem Konsum steigt die Frustration stetig, es danach wieder zu verlieren. Nichts bleibt bei uns und das macht das Armutsgefühl noch größer. Selbst wenn wir uns den Bauch vollgeschlagen und den Kopf zugedröhnt haben, fühlen wir keine Genugtuung. Es ist nie genug. Die Frustration darüber ist äußerst schmerzhaft und auf Dauer macht sie stumpf und taub für alles.
Wir werden zu Alkoholikern und fresssüchtig. Wir verwahrlosen so sehr, dass wir am Ende tatsächlich in der Gosse der Armut landen.

5. Die Neurose der "Höllenwelten":
Eine unbändige Wut ergreift uns. Wir sind nur noch von blinder Aggression gesteuert und rotten aus, was wir nur ausrotten können. Der Kampf geht jedes Mal um Leben und Tod. Wenn wir als Sieger übrigbleiben, haben wir zwar die scheinbar von außen kommende Bedrohung ausgerottet, nicht aber die Aggression. Sie wohnt weiter tief in uns und hat sich gerade erneuert. Auch wenn wir uns selbst ausrotten, bleibt doch die Aggression Sieger. Wenn wir uns selbst auffressen, bleibt der Fresser bestehen. Da der ganze Raum mit Aggression angefüllt ist, gibt es auch kein Gewahrsein mehr, dass innehalten und sich selbst wahrnehmen könnte.
Der Hass verstärkt sich durch jeden vermeintlichen Angriff von "außen" und fällt dann wie ein Bumerang auf uns selbst zurück. Wir fühlen uns trostlos und unendlich einsam und laufen geradewegs in die Psychose der Angst, des Wahns und der Schizophrenie.

6: Die Neurose der "Tierwelt":
In der Tierwelt wird unser Gewahrsein stumpf. Wir sind zwar "bauernschlau", werden aber von Gewohnheit und Humorlosigkeit regiert. Wir haben keine Selbst-Distanz mehr, die uns ermöglichen würde, über uns selbst zu lachen. Was die Verbindung zu andern angeht, so benehmen wir uns stur und dumm. Wir nehmen die Umwelt einfach nicht mehr wahr. Wir haben ein Ziel vor Augen und das verfolgen wir, zwar nicht unbedingt gradlinig, aber stur. Links und rechts gibt es nicht. Wir tragen Scheuklappen und sehen nur noch, wie wir unsere Selbstachtung erhalten können. Es wäre viel zu gefährlich, mit anderen in Kontakt zu sein, denn sie würden kritisieren und an einem herumerziehen wollen. So schützen wir uns lieber, indem wir die selbstgewählte Isolation aufsuchen, weil sich nur dort der immense Druck und die Selbstbefangenheit ein wenig lockern.
Wir sind unfähig geworden, mit unserer Umgebung zu kommunizieren.
Traditionell ist das Schwein das Symbol für die Tierwelt, es schaut nur vor sich hin, frisst viel und alles, was ihm vor die Nase kommt, ob Abfall oder Leckerei. Es schläft gern und viel. Es trottet einfach voran, egal, was ihm in den Weg kommt.
Diese Neurose ist nicht heilbar, weil keinerlei Kommunikationsverlangen mehr existiert. So mündet die Neurose in der Psychose des Autismus und der Katatonie.

Diese sechs Bereiche verlocken uns also im Bardo des Werdens, sofort und dringend einen Körper anzunehmen. Inzwischen haben wir kaum noch Erinnerungen an den alten Körper, sind daher umso begieriger, eine neue Verkörperung im Schummerlicht einer der sechs Bereiche anzunehmen. Unsere "Außenwelt" ist trostlos, alles ist grau, weder Tag noch Nacht und wir fühlen uns gejagt, hungern und dürsten.
Wir können uns an keine Belehrungen oder spirituellen Meister erinnern und haben somit keine Wahl mehr, eine gute Wiedergeburt zu wählen.
Schlimmer noch, in der panischen Verwirrtheit, in der wir uns befinden, erscheinen uns negative Emotionen als angenehm und positive als furchterregend. So war es im Leben ja auch oft genug.
Wir lassen uns von der vermeintlichen "Außenwelt", unseren eigenen Projektionen, täuschen und gelangen in den Strudel der Wiedergeburt.
Die duale Wahrnehmung erreicht hiermit einen weiteren Höhepunkt.
Bilder von Kopulierenden tauchen auf und wir fühlen bereits in dieser Phase eine starke Anziehung zu einem Teil der zukünftigen Eltern und starke Abneigung gegen den andern.

Auch ohne materiellen Körper fühlen wir ein starkes erotisches Verlangen zum gegengeschlechtlichen Teil des Paares und eine starke Abneigung gegen den gleichgeschlechtlichen Teil. Damit besiegeln wir unsere eigene Geschlechtsidentität: wir nehmen die Geschlechtsorgane an, mit denen wir uns im erotisches Begehren mit dem gegengeschlechtlichen Partner verbinden wollen.
Wir sind in diesem Zustand tatsächlich keine asexuellen Wesen, sondern wollen mit all unserer Energie selbst den Geschlechtsakt ausführen und drängen uns zwischen das Paar. Da der Körper aber noch im Werden begriffen ist, entsteht lediglich ein energetischer Imprint, der sich nach der Zeugung körperlich manifestieren wird.
Immer noch ein Geistwesen im Bardo, umschwirren wir die väterliche und mütterliche Existenz solange, bis wir eine Gelegenheit finden, in eine ihrer Körperöffnungen einzudringen.

Die Zeugung vollzieht sich dann im umgekehrter Reihenfolge wie der Sterbevorgang. Wir erfahren wieder Dunkelheit, Röte und Weiße und landen schließlich mit unserem feinsten Gewahrsein im befruchteten Ei unserer zukünftigen Mutter.
Der weitere Verlauf ist allseits bekannt und hängt davon ab, in welchem der zwei Bereiche, ob in der Menschen- oder Tierwelt, wir gelandet sind. Die anderen vier Bereiche besitzen keine festen Körper und somit findet ein ganz anderer Vorgang statt.

Resümee:

Wie märchenhaft auch immer dies alles erscheinen mag, so gibt es genug Material aus der tibetischen Medizin und den Erfahrungen Erleuchteter, das uns die Zweifel vertreibt. Solange wir weder Geistkörper gesehen noch Bewusstsein außerhalb des feststofflichen Gehirns erkannt haben, sollten wir bescheiden bleiben und die hochintellektuellen Lehren der tibetischen Kultur als Wahrheit zumindest in Erwägung ziehen.
Wenn wir davon ausgehen, dass dem so ist, so muss das gravierende Auswirkungen auf die Vorbereitung auf den Tod und die Begleitung Sterbender haben.
Der Sterbende verschwindet eben nicht im Sarg oder bei Gott, sondern ringt in verschiedenen Verkörperungen mehrere Wochen um seinen Selbsterhalt. Dabei braucht er Hilfe und Unterstützung.
Und dafür wurde schließlich auch das Tibetische Totenbuch im achten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung erstellt. Es wurde versteckt, um dann im 14. Jahrhundert wiederentdeckt und geöffnet zu werden, da zu diesem Zeitpunkt die geistige Verwirrung der Menschen so groß geworden zu sein schien, dass auch der buddhistische Tibeter Unterstützung benötigte.

Die Unterstützung, die der Sterbende braucht, hört also nicht mit seiner Beerdigung auf, sondern hat ihn durch den Bardo bis zur Wiedergeburt zu begleiten. Das stellt sehr hohe Anforderungen an den Begleiter, der immense Feinspürigkeit und eine feste Gewissheit mitbringen muss.
Im Moment sind wir auf diesem Gebiet noch absolutes Entwicklungsland.
Doch wenn wir den Bogen von Werden und Vergehen und neuem Werden weiterdenken, so helfen wir nicht nur einem Einzelnen, gut zu sterben und eine bestenfalls menschliche Wiedergeburt zu erlangen, sondern wir schaffen FRIEDEN in und für nächste Generationen. Wir helfen, die emotionale Struktur, die zur Wiedergeburt führt, so zu befrieden, dass die neurotischen und psychotischen Entartungen abnehmen und Mitfühlen und Mitempfinden selbstverständlicher werden als Projektion und Kampf.

Nur der Mensch verfügt über einen Geist, der WÄHLEN kann. Nur der Mensch hat Affinität zu allen sechs Bereichen und weiß, wie man sich dort fühlt...
Nur der Mensch kann sein Mitempfinden so sehr verfeinern, dass die Grenze zwischen "Ich und anderen" sich endlich auflöst und der eigene Geist mit dem All-Geistfeld" eins wird. Diese Vision einer "erleuchteten Gesellschaft", die uns die Meister immer wieder vor Augen halten, können wir in die Tat umsetzen, indem wir den Tod als Tor zur Wahrheit erkennen lernen und den Sterbenden dabei helfen, "aufrecht durch dieses Tor zu gehen".

Es wird sehr viel Anstrengung brauchen, für uns selbst die Gewissheit über die Aussagen des Tibetischen Totenbuches zu erlangen und die Praktiken in unserem Sterben und dem Sterben anderer anzuwenden. Wir benötigen dazu Belehrungen und Übungen von Geschulten und Meistern, die sie für uns unaufhörlich wiederholen.
Wir müssen lernen einzusehen, dass unser gesamtes Leben viel zu sehr auf Projektionen aufgebaut ist.
Dabei sind sie doch lediglich die Kehrseite der Wahrheit des Todes, die wir in der Meditation und schließlich im Sterben selbst kennenlernen dürfen.

So wird sich am Ende uns allen erweisen, dass der Sterbende uns weite Schritte voraus ist und wir diejenigen sind, denen geholfen wird, wenn wir die Projektionen durchschauen und zurücknehmen und den Raum entdecken, in dem sich das Klare Licht offenbart.

Und jede große Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Möge die Übung gelingen!

Dr. Ute Hanf-Dressler, Jade, Ende Oktober 2015

Literatur:
Chögyam Trungpa: Das Totenbuch der Tibeter
Dzogchen Pönlop R.: Der Geist überwindet den Tod
Sogyal R.: Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben
Dalai Lama: Das Buch vom sinnvollen Leben, auch Hörbuch
Robert Thurman: Das Tibetische Totenbuch
Jeffrey Hopkins: Stufen zur Unsterblichkeit
Tsele Natsok R.: Wegweiser durch die vier Bardos
Francisco Varela: Traum, Schlaf, Tod
Pimm van Lommel: Endloses Bewusstsein
Padmasambhava: Natural Liberation, Teachings on the six Bardos
Dalai Lama: DVD: Hirn und Bewusstsein, Gespräch mit Hirnforschern, Zürich 2005